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Jörg Boner und Renate Menzi über Andreas Christen und den "B74"

Zur zweiten Ausgabe der „Angewandten Designgeschichte“ mit Renate Menzi im Rahmen der Dienstagabend-Veranstaltungsreihe wurde der renommierte Schweizer Designer Jörg Boner eingeladen. Titel der Veranstaltung war dieses Mal "Wie lassen sich zeitgenössische Entwerfer von der Vergangenheit inspirieren?"

Jörg Boner hat den Brief- und Depotkasten B74 von Andreas Christen (1936-2006) zur Diskussion vorgeschlagen. Obwohl viele den Kasten vom Sehen kennen, wissen die Wenigsten, woher er stammt und wer sein Entwerfer ist. Der daher eher unbekannte Designklassiker hatte bis anhin keinen Platz in der Designsammlung des Schaudepots Zürich - dies wird nun aber geändert: nach Anfrage bei der Herstellerfirma Schweizer ist ab Mitte November auch jenes Designobjekt in der Sammlung vertreten und damit archiviert.

Andreas Christen war ein Schweizer Künstler und Designer. Er hatte ein Herz für die Kunst, die reine Form und ästhetische Schönheit. Gleichzeitig hatte er sich aber auch eingehend mit dem Ingenieurdenken, Funktionen, Materialien und Produktionsbedingungen für Serien auseinandergesetzt. Laut Jörg Boner hat sich dieses Zusammenspiel der zwei Disziplinen positiv auf die Entwürfe ausgewirkt. Im 1960 entwickelten Bettgestellt erkennt man Gemeinsamkeiten zum Kunstwerk MONOFORM, welches Andreas Christen im selben Jahr entworfen hatte. Das Gestell ist eines der ersten Kunststoffmöbel überhaupt. Die Experimentierfreude mit dem Material Kunststoff hat sich von da an durch das Schaffen von Andreas Christen gezogen - so spielte dieser auch später eine wichtige Rolle für den Briefkasten.

Zum für die Expo 1964 (Lausanne) gestalteten Lehni-Büchergestell aus Aluminium hat Jörg Boner eher gemischte Gefühle. Wie er meint, erscheint ihm das Gestell sehr protestantisch. Natürlich müsse dieses aber im Spiegel seiner Zeit gesehen werden, damals habe es hauptsächlich Holzregale gegeben. Als Konter auf das Urteil "protestantisch" zeigt Renate Menzi den Schrank DRESSCODE sowie eine Leuchte aus der Produktserie ECLAR, TABULAR, ANDAR, PENDAR, CIRCULAR von Jörg Boner. Diese Entwürfe folgen ebenfalls sehr klaren Linien . Boner verwies dann aber auf die Detaillösungen, die in den Bildern nicht ersichtlich waren und die er nicht als streng empfindet. Bei der Leuchtenfamilie wurde mit der Metallbaufirma Schätti (Glarus) zusammengearbeitet, die nur gewisse Produktionsmöglichkeiten wie Blech schneiden und verformen zur Verfügung haben - Jörg Boner war beim Entwerfen etwa gleich eingeschränkt wie dies Andreas Christen beim Büchergestell oder Briefkasten gewesen sein muss.

Bei der Produktion des B74 konfrontierte Andreas Christen die Firma mit neuen Materialien und Verbindungen. Die Kombination von Metall und Kunststoff stellte damals eine Innovation dar. Die Hülle des B74 wird aus Aluminium gefertigt, das Innenleben aus Kunststoff. Die wenigen Teile sind alle gesteckt, dies vereinfacht die Produktion, da das Schweissen ersetzt wird. Durch den modularen Aufbau werden verschiedene Kombinationsmöglichkeiten geschaffen und gleichzeitig ein vereinfachtes Recycling gewährleistet. Der Briefkasten wird seriell produziert. Laut Christen ist der B74 sein erfolgreichstes Design und gleichzeitig sein Lieblingsstück - möglicherweise, weil er viele scheinbar unüberwindbare Probleme doch lösen konnte .

Der Prozess der Geschichtsschreibung ist in Bezug auf den Briefkasten schlecht nachvollziehbar. Differenzierte Diskussionen zum B74 haben sich beinahe keine entwickelt. In der Regel wird vermeintlich selbstverständlichen und unauffälligen Dingen in unserer Umwelt keine grosse Beachtung geschenkt, obwohl es sich lohnen würde und Gestalter davon lernen könnten. Einzig eine Ausstellung im Haus Konstruktiv (ZH) hat sich mit den Arbeiten von Christen befasst, doch dort lag der Fokus verständlicherweise auf seinem künstlerischen Schaffen. In einer Sonderausgabe des Hochparterres (Januar 2015) wird über den Designer und den Briefkasten berichtet. Dabei werden die Unterschiede zwischen den alten und den neueren Modellen aufgezeigt - leichte Anpassungen wurden über die Jahrzehnte hinweg ausgeführt, so hat man beispielsweise in den 80er Jahren die Ecken runder gestaltet. Am Ende einer eher unaufgeregten Designgeschichte des B74 steht die Aufnahme in die Designsammlung des Schaudepots Zürich.

"Es ist doch sehr schweizerisch, einem Ding wie dem Briefkasten so viel Liebe im Entwurf entgegen zu bringen", so Jörg Boner. "Oder einer Strassenlaterne..." womit Renate Menzi wieder auf einen Boner-Entwurf hinweist. Jörg Boner entwirft gerne Mobiliar für den öffentlichen Raum. Objekte, die niemandem und allen gehören, befinden sich in einem interessanten Spannungsfeld.
Schweizerisch ist sicherlich auch das aufgeräumte Design des Briefkastens und die durchdachte Funktion, die so verpackt ist, dass der Kasten im geschlossenen Zustand sehr ruhig und aufgeräumt wirkt. Die Anlehnung an modulare Ordnungssysteme war Teil des Zeitgeistes und ist heute kennzeichnend für Schweizer Design.

Nach all dem Lob über den Briefkasten und seine Genialität ist aber doch noch eine kritische Stimme aus dem Kreis der Studierenden gefallen. Ein Student stört sich im privaten Gebrauch des B74 daran, dass man stets das Paketfach öffnen muss, um das Brieffach mit dem Schlüssel zu öffnen. Jörg Boner versucht mit dem Argument, dass dadurch das Schloss vor Witterung geschützt wird, das Design zu rechtfertigen.

Was über die ganze Designgeschichts-Veranstaltung aber nicht wirklich geklärt wurde, ist die Fragestellung und Titel des Abends "Wie lassen sich zeitgenössische Entwerfer von der Vergangenheit inspirieren?" Auch wenn Renate Menzi immer wieder den Link zu Boners Entwürfen hergestellt hat, hat Jörg Bonerer keine klare Antwort zur Fragestellung geliefert. Daraus zu entnehmen ist, dass sich Industriedesigner vielleicht nicht direkt von anderen Designern inspirieren lassen, sondern unterbewusst bereits Gesehenes kombinieren und zu etwas Neuem formen. Boners Rat an Jungdesigner ist, wie dies auch Christen schon gemacht hat, scheinbar unüberwindbare Probleme zu lösen probieren, Briefings zu hinterfragen und diese auch mal zu sprengen.

(Die angewandte Designgeschichte fand am 15. November 2016 im Rahmen der Dienstagabend-Veranstaltungsreihe statt. Zum Programm > ))

Text: Anina Riniker, Studentin im 3. Semester

Fotos: Fiona Knecht, ©ZHdK, Vertiefung Industrial Design 2016

Gast Jörg Boner spricht über die Formgebung seiner Entwürfe.
Gast Jörg Boner spricht über die Formgebung seiner Entwürfe.
Die Studierenden testen den B74.
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Alle Einzelteile des B74 in der Sonderausgabe des Hochparterres (Januar 2015).
Alle Einzelteile des B74 in der Sonderausgabe des Hochparterres (Januar 2015).
Original B74 (rote Kunststoff-Front) und heutige Variante (Alu-Front) im Vergleich.
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Die Studierenden testen den B74.
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